Interview mit Roman Hocke
von Ramona Roth-Berghofer
Herr Hocke, auf Ihrer Webseite schreiben Sie, dass sich Ihre Agentur bewusst als Autoren- und Verlagsagentur versteht, aber auch als eine Full-Service-Agentur. Was dürfen wir darunter verstehen?
Alles dreht sich um Vermarktung, wer spricht über Inhalte? Wir wollen nicht allein eine Vermarktungsstelle von Manuskripten sein, sondern stehen den Autoren von der ersten Idee bis zum fertigen Buch zur Seite, um eine Geschichte so weit zu optimieren, dass sie eine echte Chance bei den Lesern hat. Das setzt allerdings voraus, dass wir nur eine kleine Anzahl von Autoren vertreten, um mit ihnen so intensiv zusammen arbeiten zu können. Und dass die Chemie zwischen uns stimmt.
In den USA sind Literaturagenturen ja schon lange ein fester Bestandteil der Buch- und Medienbranche. Wird das in der Zukunft in Deutschland/Europa ähnlich sein?
Je komplexer die Märkte werden und je weiter sich die Verlage zu imposanten Vertriebsmaschinerien entwickeln, die sich kaum noch mit Autoren und deren Ideen auseinander setzen, umso wichtiger wird die Rolle von Agenten als feste Ansprech-, Gesprächs- und Arbeitspartner für Autoren. Wir erleben einen richtigen Systemwandel.
Welches Know-how benötigt eine Autoren- und Verlagsagentur, um in der heutigen Buch- und Medienbranche erfolgreich zu sein?
Ein Agent sollte Verlagsarbeit in allen Bereichen von der Pike auf erfahren haben. Nur dann kann er einen guten Job machen und zwischen Autoren und Verlagen effektiv vermitteln. Ich bin 17 Jahre an maßgebender Stelle in einem Verlag tätig gewesen, bevor ich mich 1997 als Literaturagent selbstständig machte. Und mein Partner, Reinhold G. Stecher von der AVA, ist seit 40 Jahren im Verlagsgeschäft zuhause, davon über 20 Jahre als literarischer Agent.
Die Situation im Verlagswesen sieht zur Zeit nicht eben gut aus. Verlage melden Konkurs an, verkleinern sich, schränken ihr Buchprogramm ein etc. etc. Was bedeutet das für Sie als Agentur? Welche Schwierigkeiten erleben Sie? Wie reagieren Sie auf diese veränderten Bedingungen? Und wie sollten Autoren und Autorinnen darauf reagieren?
Die Verlagskrise zieht eine enorme Reduzierung der Titelanzahl mit sich. Immer weniger Buchprojekte können publiziert werden. Weniger Autoren erhalten eine Chance. Da gibt es meiner Ansicht nach nur eine wirkliche Strategie: Auf Qualität setzen. Große Geschichten erzählen. Den Geschichten nicht nur Erlebnisstärke, sonder auch Tiefe verleihen. Damit sie wahr werden und betroffen machen. Schließlich ist beides wichtig: Unterhaltung und Nutzen.
Auf welche Gebiete hat sich die AVA-International spezialisiert? Vertreten Sie z. B. auch ausländische Verlagshäuser?
Wir arbeiten ausschließlich mit Autoren zusammen, zu denen wir eine sehr direkte und persönliche Beziehung unterhalten. Deswegen vertreten wir auch keine ausländischen Verlagshäuser, gerne aber ausländische Autoren. Ideen und Geschichten (in der Belletristik wie auch im Sachbuch) wachsen aus den Beziehungen von Menschen zueinander.
Wie viele Manuskripte erhalten Sie pro Monat? Wie viele nehmen Sie davon als vermittelbar an? Und wie viele werden davon letztendlich an einen Verlag vermittelt?
Kann man auf diese Frage tatsächlich statistisch antworten? Ich glaube nicht. Wir bekommen sehr viele, allzu viele Manuskripte im Monat. Und nur den wirklich kleinsten Teil können wir vermitteln. Das Allermeiste ist einfach nicht gut, bestenfalls gut gemeint. Trotzdem schmecke ich in die eingegangenen Manuskripte selbst hinein. Das eine oder andere Mal habe ich in meinem Leben auf diese Weise tolle Stoffe und Autoren entdeckt. Das ist selten gewesen und immer sehr mühsam.
Was sind die häufigsten Ablehnungsgründe für einen Text?
Allzu oft werden Geschichten geschrieben, die es bereits gibt. Oder die nicht wirklich ernst genommen oder nicht gemeint werden. Oder deren Gestalt nicht wirklich ausgereift ist. Neue Geschichten zu erfinden und leicht zu machen, klingt so leicht, ist aber wohl das Schwierigste, was es gibt.
Wie gehen Sie beim Vermitteln der Manuskripte Ihrer deutschsprachigen Autoren und Autorinnen vor? Wie treten Sie an Verlage heran?
Mit Überzeugung und Leidenschaft. Aber nur, wenn sie aus einem Lesevergnügen entstanden sind.
Wenn Sie ein Manuskript annehmen, wie lauten Ihre Konditionen? Wie lange ist beispielsweise die Kündigungsfrist oder wie hoch Ihr Erfolgshonorar? Nehmen Sie eine pauschale Vermittlungsgebühr? Bearbeitungsgebühr etc.?
Die Konditionen sind die üblichen Prozente und fallen ausschließlich im Erfolgsfall an. Bearbeitungsgebühren gibt es nicht. Und die Kündigungsfristen sind kurz und einfach: Wenn man beschließt, nicht mehr zusammen zu arbeiten, dann sollte man sich dazu auch nicht mehr zwingen. Nicht im kreativen Bereich jedenfalls.
Müssen Autoren auch dann eine Vermittlungsgebühr bezahlen, wenn sich ein Manuskript nicht vermitteln lässt?
Nein. Nicht die Gebühr soll mich als Agent in die Pflicht nehmen, sondern die Überzeugungskraft einer Geschichte.
Verbleibt das Urheberrecht beim Autor/bei der Autorin oder geht es an die Agentur über?
Das Urheberrecht verbleibt immer beim Autor. Eine Agentur kann keine Rechte erwerben. Nicht mal Verwertungsrechte. Nur die Vermittlungsrechte können in Anspruch genommen werden. Das ist gesetzlich alles sehr klar- und weitsichtig festgelegt.
Haben Manuskripte von Agenturen eine größere Chance als Manuskripte, die unverlangt an einen Verlag geschickt werden?
Sicher. Schon allein die Tatsache, dass eine Vorauswahl vorgenommen wird, macht jede Einsendung einer Agentur für die Programmverantwortlichen eines Verlages interessanter. Das ist im besten Fall die Empfehlung eines Geschichtenprofis.
Welchen Rat würden Sie Nachwuchsautoren geben? Was sollte man unbedingt beachten, wenn man eine Veröffentlichung anstrebt?
Wenn Freunde oder Verwandte einen Text loben, so sagt das vielleicht etwas über die zwischenmenschlichen Bande des Autors aus, noch nicht aber über seine schriftstellerischen Qualitäten. Diese resultieren aus Leidenschaft und handwerklichem Können. Ich möchte Manuskripte lesen, aus denen solche Leidenschaft spürbar wird, das Ringen um eine Frage, der Widerspruch zum Common Sense, das Spiel mit der Wirklichkeit. Auch will ich als Leser nicht mit Meinungen und Antworten zugeschüttet werden. Da schätze ich eine gut gestellte Frage wesentlich mehr. Und denken Sie daran: Qualität setzt sich immer durch. Sie haben aber nur einen Schuss frei. Schreiben Sie also gleich und von Anfang an das ganz große Buch Ihres Lebens, und nicht erst als Alterswerk.
Herzlichen Dank für das Interview.
Veröffentlicht in: The Tempest, Ausgabe 5-9 (September 2003), Teil 1, http://www.autorenforum.de, Ramona Roth-Berghofer
|